Gepostet in Randnotizen und Ungesagt.
(Es geht um Blüten-/Elfen-/Weinblattapplikationen (lies: Aufkleber) für allerlei Glasgeschirr, das aussehen soll, als wäre es ins Glas gesandtrahlert…)
HSE24 Verkäuferin (betatscht das Glas): “Und hier, tatsächlich, fühlt man ganz deutlich die Optik und Haptik der Sandstrahloptik…”
Wenn man übrigens jetzt bestellt, bekommt man gratiies zwei Bögen mit Buchstaben dazu – da würde ich ja sofort auf unseren Dekanter schön groß “DEKANTER” draufpasten, und nebendran ein paar Weinblätter. Mwahahaha.
Ich habe mal wieder eine seltsame Diskrepanz entdeckt, die mir nicht ganz klar werden will: Wenn wir früher in der Schule mal ein Gedicht gelesen haben, meistens in Deutsch, dann ging es irgendwie immer darum, das Ding zu “entschlüsseln”, also eine Bedeutung, die der trickreiche Poet darin versteckt habe, aufzudecken. Dann kommt man an die Uni, und was hört man? Alles unnötig! In jedem Buch zu Poetik, dass ich mir bisher angeschaut habe, wird empfohlen, dass man sich über die Bedeutung eines Gedichts jahrelang Gedanken machen kann, und es deshalb erstmal nur wirken lassen soll. Die Sprache aufsaugen, das Gedicht mit der Seele ergreifen, und so. (Genauso wie alle Schüler denken, man muss immer nach der Intention des Autors fragen – geradezu ein Schimpfword an der Uni. Wie kommt das?! Waren die Lehrer nie Studenten?)
Und gibt es überhaupt eine Bedeutung? Und sind manche Gedichte nicht einfach so unverblümt, dass es gar nichts zu entschlüsseln gibt? Also wenn jemand ein Gedicht, sagen wir mal, “Krieg ist geil” nennt, und danach 20 Zeilen lang von den Ehren des Schlachtfeldes spricht, dann braucht es schon einen hardcore Dekonstruktivisten, um das Gedicht umzudeuten.
Ich glaube das Problem in der Schule ist vor allem, dass die Lehrer selbst etwas Essentielles nicht begriffen haben: Es gibt einen Unterschied zwischen “verstehen, was da steht” und “verstehen, was es bedeutet.” Also wenn man in Deutsch oder Englisch Gedichte von vor 100 Jahren liest, deren Sprache für uns schwieriger zu verstehen ist, dann muss man doch erstmal wissen, was der Dichter vor 100 Jahren mit einem bestimmten Wort verbunden hat. Also erstmal bitte einen schönen hermeneutischen Zirkel drehen, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Biographie, und schon kommen wir dem ganzen näher. Das Ziel wäre dann, das zu sehen, was der Dichter sah als er das Ding schrieb – und das ist ja schon schwer genug.
Und das ist quasi nur die Vorarbeit. Leider wird von vielen genau dieses “Verstehen” schon als ausreichende Gedichtinterpretation betrachtet. Aber dann kommt ja eigentlich das, was ohne Vorarbeit existieren sollte. Also das, was ich beim Lesen eines Gedichts aus meiner eigenen Zeit, in meiner Muttersprache, “ohne Hindernisse” empfinde. Eine Kommilitonin hat einmal gesagt, da ging es um Strukturalismus, dass dieses ganze Zerlegen und Erklären im Vorfeld ihr im Nachhinein das Lesen des Gedichts vermiese. Eine verbreitete Einstellung – all das Interpretieren macht doch alles kaputt! Das hat sich der Autor nie alles beim Schreiben gedacht!
So wie ich das sehe, ist das auch gar nicht der Punkt. Es ist gut, wenn man grundlegend versteht, wroum es geht, sprachlich und inhaltlich klar kommt; Aber das Wesentliche ist doch, dass ich in irgendeiner Weise berührt werde. Dass ich das Menschliche in einem Text sehe und mich ihm annähern kann, auch über Jahrhunderte hinweg. Und wenn man in ein Gedicht Dinge hineininterpretiert, die der Autor sich vielleicht nicht gedacht hat, sieht man, was eigentlich bei einer Interpretation heraus kommt: nämlich nicht ein Verständnis des Textes, sondern eher ein Verständnis von sich selbst. Ein Dichter hat es dann nämlich geschafft, einem Menschen, dem er in keinster Weise verbunden ist, ein Stück Bedeutung mitzugeben, dass er mit sich herum tragen kann, was ihn irgendwie formt.
Zum Abschluss meiner komischen Rumüberlegungen, ein Auschnitt aus “The Blue Swallows” von Howard Nemerov:
O swallows, swallows, poems are not
The point. Finding again the world,
That is the point.
Warum liegen im CommonRoom (Anm: das ist unser Aufenthaltsraum in der Anglistik) neben den normalen Zeitschriften eine zu Natur & Biozeug direkt neben einer SM-Zeitschrift voller Artikel über Sextoys?
Guten Morgen! Es ist irgendwas vor 10 Uhr, und ich sitze am Frühstückstisch. Einer meiner wenigen Tage, wo ich mal ein wenig länger schlafen darf. Doch das Ausschlafen ist nicht das einzige, was diesen Tag besonders macht. Ich habe heute schon so viel erlebt – und ich musste nichtmal das Haus verlassen!
Da wäre erstmal das Duschen – das war das totale Dufterlebnis. Dazu kam dann noch ein unglaubliches Wellness-Erlebnis, und obendrauf ein Frische-Kick! Völlig überstimuliert taumelte ich zum Wäscheständer und schnappte mir ein paar frisch gewaschene Klamotten. Sobald meine Haut mit dem samtweichen Stoff zusammentraf, fühlte ich mich so wohlig, so weich, so geborgen, als läge ich wieder im Bett. Die Wonne! So umschmeichelt holte ich mir dann gleich mit meinem Deo den nächsten Frische-Kick, und schwebte in die Küche. Hier erwartete mich dann ein weiteres Wellness-Feeling als ich genüsslich meinen Brotaufstrich vom Toast leckte. Mein Müsli versorgte mich dann mit allen (!) Vitaminen, Nährstoffen und sonstigen Schnickschnack, den ich über den Tag brauchen könnte, und obendrauf macht es auch noch schlank! Der Kaffee gab dem ganzen dann mit seinem Verwöhn-Aroma den letzten Schliff.
Was kann heute eigentlich noch schief gehen? Höchstens dass ich es vor lauter Genuss nicht aus der Haustür schaffe.