Ich habe mal wieder eine seltsame Diskrepanz entdeckt, die mir nicht ganz klar werden will: Wenn wir früher in der Schule mal ein Gedicht gelesen haben, meistens in Deutsch, dann ging es irgendwie immer darum, das Ding zu “entschlüsseln”, also eine Bedeutung, die der trickreiche Poet darin versteckt habe, aufzudecken. Dann kommt man an die Uni, und was hört man? Alles unnötig! In jedem Buch zu Poetik, dass ich mir bisher angeschaut habe, wird empfohlen, dass man sich über die Bedeutung eines Gedichts jahrelang Gedanken machen kann, und es deshalb erstmal nur wirken lassen soll. Die Sprache aufsaugen, das Gedicht mit der Seele ergreifen, und so. (Genauso wie alle Schüler denken, man muss immer nach der Intention des Autors fragen – geradezu ein Schimpfword an der Uni. Wie kommt das?! Waren die Lehrer nie Studenten?)

Und gibt es überhaupt eine Bedeutung? Und sind manche Gedichte nicht einfach so unverblümt, dass es gar nichts zu entschlüsseln gibt? Also wenn jemand ein Gedicht, sagen wir mal, “Krieg ist geil” nennt, und danach 20 Zeilen lang von den Ehren des Schlachtfeldes spricht, dann braucht es schon einen hardcore Dekonstruktivisten, um das Gedicht umzudeuten.

Ich glaube das Problem in der Schule ist vor allem, dass die Lehrer selbst etwas Essentielles nicht begriffen haben: Es gibt einen Unterschied zwischen “verstehen, was da steht” und “verstehen, was es bedeutet.” Also wenn man in Deutsch oder Englisch Gedichte von vor 100 Jahren liest, deren Sprache für uns schwieriger zu verstehen ist, dann muss man doch erstmal wissen, was der Dichter vor 100 Jahren mit einem bestimmten Wort verbunden hat. Also erstmal bitte einen schönen hermeneutischen Zirkel drehen, ein bisschen Geschichte, ein bisschen Biographie, und schon kommen wir dem ganzen näher. Das Ziel wäre dann, das zu sehen, was der Dichter sah als er das Ding schrieb – und das ist ja schon schwer genug.

Und das ist quasi nur die Vorarbeit. Leider wird von vielen genau dieses “Verstehen” schon als ausreichende Gedichtinterpretation betrachtet. Aber dann kommt ja eigentlich das, was ohne Vorarbeit existieren sollte. Also das, was ich beim Lesen eines Gedichts aus meiner eigenen Zeit, in meiner Muttersprache, “ohne Hindernisse” empfinde. Eine Kommilitonin hat einmal gesagt, da ging es um Strukturalismus, dass dieses ganze Zerlegen und Erklären im Vorfeld ihr im Nachhinein das Lesen des Gedichts vermiese. Eine verbreitete Einstellung – all das Interpretieren macht doch alles kaputt! Das hat sich der Autor nie alles beim Schreiben gedacht!

So wie ich das sehe, ist das auch gar nicht der Punkt. Es ist gut, wenn man grundlegend versteht, wroum es geht, sprachlich und inhaltlich klar kommt; Aber das Wesentliche ist doch, dass ich in irgendeiner Weise berührt werde. Dass ich das Menschliche in einem Text sehe und mich ihm annähern kann, auch über Jahrhunderte hinweg. Und wenn man in ein Gedicht Dinge hineininterpretiert, die der Autor sich vielleicht nicht gedacht hat, sieht man, was eigentlich bei einer Interpretation heraus kommt: nämlich nicht ein Verständnis des Textes, sondern eher ein Verständnis von sich selbst. Ein Dichter hat es dann nämlich geschafft, einem Menschen, dem er in keinster Weise verbunden ist, ein Stück Bedeutung mitzugeben, dass er mit sich herum tragen kann, was ihn irgendwie formt.

Zum Abschluss meiner komischen Rumüberlegungen, ein Auschnitt aus “The Blue Swallows” von Howard Nemerov:

O swallows, swallows, poems are not
The point. Finding again the world,
That is the point.