Heute habe ich einen Essay geschrieben. Naja, es ist eher eine Zusammenfassung einer Vorlesungssitzung, wie auch gewünscht. Habe mir echt Mühe gegeben, schön formuliert und so. Auf Englisch das Ganze, was ja eigentlich kein Problem ist; diesmal musste ich allerdings zig Wörter nachschauen, da der Prof die Vorlesung auf Deutsch hält, und ich so meine 5 Seiten mitgekritzelten Fachjargon erstmal übersetzen musste. Kurzum: Ich habe für knapp 2 Seiten Zusammenfassung, mit Formatierung, ohne nochmaliges Korrekturlesen, knapp 2 Stunden gebraucht.

Da ich ja vor kurzem eine Hausarbeit abgegeben habe, kommen mir die Zeitverhältnisse verteufelt ähnlich vor: Eine Seite, Eine Stunde. Klar, zu der Stunde gehören mindestens zwei zum recherchieren, zitieren usw. Aber sonst geht das gut auf. Im KVV steht für Vorlesungen: “Course requirements: Regular Attendance (1 CP), Preparation (2 CP) and written term paper or exam (1 CP).” Bei den Seminaren ersetzt man die Punkte durch “Active Participation” und “oral presentation” und es kommt etwa aufs gleiche raus.

Für alle, die nicht mit dem Bachelor-System vertraut sind: ein Credit Point (Leistungspunkt) soll 30 Stunden irgendeiner Form von Arbeit entsprechen. Ein BA-Studiengang umfasst 180 CP, durch 6 Semester macht 30 Punkte pro Halbjahr, macht 5 pro Monat, 1,25 pro Woche, das kommt auf 37,5 Wochenstunden Arbeit.

Aber nicht irgendeine Arbeit: hier wird gedacht, geschrieben, auswendig gelernt, so schnell wie möglich. Oder? Nein, denn die meisten Studenten arbeiten nebenher, müssen zum ersten Mal mit einem eigenen Haushalt klarkommen, treffen neue Freunde, haben Liebeskummer, fahren lange Strecken nach Hause und zurück an die Uni, haben ein Hobby, machen Sport, und vielleicht machen sie auch mal Urlaub, denn in den Semesterferien, wissen wir ja, haben wir ja frei.

Nun muss ich hier einschieben, dass ich eigentlich ein Freund des BA-Systems bin, insofern, dass es dem Studium mehr Struktur gibt, und vielen ein klares Bild, was sie zu tun haben. Nur vielleicht etwas zu klar, es brennt schon in den Augen, wie mir langsam bewusst wird. Okay, ich bin kein Musterbeispiel für BA-Studenten, aber ich habe jetzt genug Erfahrung mit dem System gemacht, um hier mal zu erklären, wie anders es sich als Lehramtler anfühlte.

Jetzt mag man denken, okay, wir sehen immernoch Studenten auf der Neckarwiese, in den Pubs, beim Public Viewing.  Eigentlich dürfte das nicht gehn. Denn wenn ich 8 Stunden am Tag mir den Kopf mit komplexen Gedankengängen, literarischen Fakten, und altenglischen Verbformen zermartert habe, möchte ich abends keine Vuvuzelas hören. Sorry. Woher kommen dann die ganzen Fans? Alles Lehramtler? Weit gefehlt. Das sind auch Bachelorstudenten, die einfach nicht genug machen!

Faulenzer? Naklar! Was auch sonst? 30 Stunden “Kontaktzeit” zum Professor? In einer Vorlesung ohne Anwesenheitsliste (ja, gibt es noch!) kann man da schonmal was abschneiden. Vorbereitung für die Vorlesung: 4 Stunden? Naja, klar könnte ich mir 4 Stunden mit Hintergrundliteratur den Abend verschönern, es wäre auch sicherlich nicht uninteressant – schließlich habe ich mir diese Vorlesung ja ausgesucht, weil ich das Thema gut finde. Aber ich musste leider noch den Abwasch machen, und mich um Fachschaftsangelegenheiten kümmern. Achja, fast vergessen, studentische Mitbestimmung, obwohl sie seit Einführung der Studiengebühren mehr genutzt wird denn je, ist in den 37,5 Stunden nicht vorgesehen.

Und wie stehts mit dem CP für “active participation”? In meinen Seminaren müsste man eigentlich 3/4 der Studenten den Schein verweigern, da sie es nur zu ihrem Referat mal schaffen, den Mund zu öffnen. Und selbst dann wird nur fein wiedergekäut was man sich irgendwoher zusammengesucht hat. Eigene Gedanken machen zum Thema: das braucht seine Zeit. Dann wäre da noch das “written term paper”. Auch das variiert natürlich: Habe ich heute mit 2 Stunden fieberhaftem Mitschreiben und 2 Stunden tippen einen anständigen Scheinerwerb abgeliefert, unterbietet das doch massig die 30 Stunden, die ich dafür hätte brauchen sollen. Hab ich jetzt zu wenig gemacht? Und meine Hausarbeit, die hat bestimmt länger gedauert als vorgesehen. Denn ich bezweifle, dass die 60 Stunden Arbeit des KVVs gereicht haben für die Wochen, die ich mir Gedanken übers Thema gemacht habe, und die Zeit, den Roman nochmal halb durchzulesen, nur um adäquat zu zitieren. (”Hat der Charakter das wirklich nie gesagt?! Argh, damn you, Jane Austen!” *blätter*)

Ich versuche ja immer noch, in die Riegen der Designstudenten aufgenommen zu werden. Was mir bei denen besonders gut gefällt: Es wird unter den Studis als normal angesehen, dass man nach der Schule, oder überhaupt, erstmal ein wenig reifen muss, wie guter Wein, um zu verstehen, was man eigentlich möchte. Und ganz unabhängig davon, was ein Literatur- und Sprachenkenner für Jobchancen hat, würde ich mir bei ihm eher wünschen, dass er ein literarisches Werk begriffen, als fünf nur gelesen hat.

Was ist also mein Fazit aus diesen Beobachtungen? Man kann sich wohl darauf einpendeln, ein gewisses Arbeitstempo zu haben (1 Seite = 1 Stunde), aber das ist sicher für jeden Menschen unterschiedlich. Zum Glück kann man für den BA auch länger als 6 Semester brauchen, gesetzt, dass einem einer das Bafög ersetzt, dass dann fehlt. Wenn irgendwelche Leute abbrechen, weil sie es in der Zeit nicht schaffen, ihre Ausbildung abzuschließen (von der sie ja eh nicht wissen, ob sie ihnen einen Job verschafft) und sich anderweitig umsehen, wäre das ja, wie wenn man Kinder danach aussortiert, ob sie langsamer oder schneller lernen. Oh wait. Das machen wir ja schon.