Ich bin ja immer noch auf der Suche nach einem Kleid für diese Hochzeit im Mai. Weil ich zur Zeit krank zuhause rumhänge, bietet sich da besonders das Internet an, mit den wunderbar ordentlichen Online Shops der Modeketten. Doch im S.Oliver Shop bin ich dann verarscht worden:

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Huch? Sind nicht alle Sachen auf s.Oliver ‘by’ s.Oliver? Neugierig, wie ich bin, kam ich als nächstes auf eine Seite mit diesem Schild:

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Okay, abgesehn von dem schmerzhaftem Kommafehler (heul, kreisch!) finde ich die Überschrift ja nett und motivierend, wenn auch wenig aussagekräftig. Doch da hätte es mir schon auffallen müssen. Aha! “Für Frauen mit größeren Größen!” Da liegt also das Geheimnis. Die Frau auf dem Bild sieht zwar nicht wirklich danach aus, aber die Models auf den folgenden Seiten lassen keinen Zweifel offen: ich bin mal wieder ohne es zu merken zu den Übergrößen gekommen.

Ich muss sagen, ich bin ein wenig empört. Ich habe absolut kein Problem mit übergroßen Frauen und ihrer Kleidung, aber wieso müssen die uns denn reinlegen?! Das ist wie bei uns auf der Hauptstraße, da gibt es einen Laden für Übergrößen, und alle denken immer, es wäre total peinlich für jemanden, beim reingehen gesehen zu werden. Wieso? Den meisten Leuten sieht man es an, ob sie eher S oder XXL tragen – daran ändern auch Figurformende Bodies nichts. Warum dann im Internet, wo ja alles anonym ist, diese Geheimhaltung? Und dann diese euphemistische Sprache. Also echt: “Die Vorzüge der Frau”, “unkompliziert”, “modern und selbstbewusst”! Ist es denn modern, Übergewicht zu haben? Was machen schüchterne Frauen?

Dieses Erlebnis jedenfalls stieß mich zum denken an: wie gehen wir eigentlich mit dicken Menschen um? Auf der einen Seite werden sie ja von allen zum Teil wie Aussätzige behandelt; auf der anderen Seite wird ihnen geschmeichelt und ihnen Honig ums Maul geschmiert bis es nicht mehr geht. Was soll das? Sicherlich, Übergewicht ist oft gesundheitsschädlich, in welcher Form auch immer. Ich bin nicht übergewichtig, aber ich treibe keinen Sport und sitze immer krumm, das ist auch schädlich. Andere rauchen. Können wir nicht einfach das Übergewicht als normalen Teil eines Menschen sehn, ohne “das Thema” wie ein rohes Ei hin- und herzubalancieren?

Eigentlich ist Übergewicht ein “Thema”, dass man nicht gerne anspricht. Gerade letzte Woche gab es diesen Beitrag auf PhotoshopDisasters, wo der Autor schreibt:

I said to myself, well, I’m not going to touch that with a barge pole. Not the lady in the picture – I’m sure she’s a lovely lady with a wonderful personality. I’m talking about the political issue of the chubbies sizeable big-boned unboneable people of size. They can be very sensitive. It’s important – perhaps expedient is the correct word – to just avoid the whole thing.

Ist es nicht lächerlich? Ich wollte ja selbst diesen ganzen Post lassen, aber fand dann plötzlich überall “gute Beispiele”, und gab nach. Ich beschloss, eine kleine Recherche zu machen, um mal zu sehen, wie andere Online-Kleidungs-Shops mit “dem Thema” umgingen. Zunächst allerdings ein offline Beispiel:

Zweideutig: Real-Prospekt

“Stars zeigen Größe!” steht da in einem Kasten zwischen Koffern und Socken (Real eben…). Die “Stars” sind Markus Majowski, der wohl so unbekannt ist (ich kannte ihn nur vage vom sehen…) dass darunter angegeben wird, wo er schon mitgespielt hat. Für die Frauen tritt Vera Int-Veen (auch hier mit Angabe, wer sie ist) auf. Die Marken: “bigfun, Mode für starke Männer” und “my size” von Vera. Wieder die Euphemismen! Alle Worte, die auf die “Größe” hinweisen, sind möglichst zweideutig gewählt. Soll das den dicken Menschen Selbstbewusstsein geben? Vera kanns auch, sie zeigt Größe! Ha! Klasse finde ich, dass hier die Größen schier ins uferlose gehen: XXL-5XL steht da! Wow, das ist echt groß. Männer-XXL entspricht ja etwa 56, und bei den Frauen geht es sogar nur bis 54! (Bei uns ist 42 ja schon XL… pft!) Also, Männer, wenn sonst nix passt, ab zu Real.

Sex sells: BonPrix.

Schwelgen!

It’s me! Nein, das ist kein Euphemismus für mehr Selbstbewusstsein, das steht tatsächlich unter allen Promo-Bannern. Aber seht sie euch an: ist sie nicht sinnlich? sexy? Gut, ob sie nie pünktlich und saulustig ist weiß ich nicht, und was das mit ihrer Größe zu tun hat ist mir völlig unklar, aber das nur nebenbei. Eindeutig hier: sie ISST. Wenn das mal kein Statement ist. Keks mit Nougat, soweit ich das sehen kann. Sie ist eindeutig mehr als selbstbewusst, nein, diese Frau ist komplett selbstverliebt. Wer würde nicht sofort in ihr Bett springen und ihr den Nougat von ihren süßen Fingern lecken? Na?
Bei ihrer Navigation ist BonPrix zum Glück nicht so verklemmt wie s.Oliver, und nennt die Pfunde beim Namen: Die Kategorie heißt schlicht “XXL”. Erst weiter unten auf der Seite fällt mir eine weitere Euphemismus-Kategorie namens “Figur-Wunder” auf, die aber wie ich merke an alle Größen gerichtet ist.

Sag es, wie es ist: C&A.

Bei C&A lohnte es sich gar nicht, einen Screenshot zu machen, doch seht selbst. Schlicht, aber eindeutig: “XL Große Größen” steht da, und ich bin beeindruckt: C&A hat eindeutig das fülligste Model von allen Shops. Das fand ich spitze, sind doch sonst die “formstarken” Models eher am unteren Ende der Größentabelle. C&A schreibt dazu:

Wer große Größen sucht, der ist bei C&A genau richtig. Klicken sie auf den Button “XL Große Größen” und schwelgen Sie in den XL-Angeboten. Dort finden Sie garantiert das passende Stück in Ihrer Größe. Große Mode gibts bei C&A.

Soweit, so eindeutig. Wunderbar ist ja das Wort “schwelgen”. Ich bin sicher, dass dieses Wort nie, nie, für irgendwelche anderen Modekategorien verwendet wird. Schwelgen, damit assoziiere ich schon wieder Schokolade. Und Schokolade, wie wir bereits wissen macht nicht dick, sondern sinnlich. Verführerisch. Darin kann man eben schwelgen. Ich habe gerade das mentale Bild von lauter üppigen Frauen, die in einem Berg frischer, großer Wäsche baden, und sich wahllos Teile rausgreifen…. kurz: es klingt nach Paradies.

Otto – Es ist ein Thema

Otto - große Größen

Hier, wie auch bei C&A, wird nicht groß drumherum geredet, “Große Größen” führt uns sofort zum Ziel. Interessanter ist aber, dass man in der A-Z Liste “G” vergeblich sucht – groß ist nicht normal. Groß ist ein Thema. Genau wie die Model-WG oder die Catwalk Sparte. Wenn man sich nun weiter klickt, kommt man zum “So bin ich”-Shop. Wieder werden übergewichtige Menschen hier besänftigt: es ist ok! Du bist eben so, wie du bist! Du darfst trotzdem trendy sein! Wieder bedauere ich, dass das hübsche blonde Model nicht wirklich dick aussieht.

Total Denial: Esprit

Von allen Shops hat Esprit etwas besonderes. Es gibt absolut keine Hinweise auf “das Thema”. Überall nur dünne Models, keine versteckten Hinweise, keine glücklich lächelnden Frauen mit Nougat. Ich bin ein wenig enttäuscht. Bei den Größen aller Kleidung gibt es maximal XXL (denkt an Real!), und das auch nicht bei allem. Bei Esprit geht es da eher in die andere Richtung. Es gibt nämlich “edc 16, die kleine Schwester von edc.” Hier blickt mich ein abgemagerter Teenager mit drogigen Augen an. Da gefiel mir die Nougat Dame wirklich besser!

Ein Fazit

Wie haben unsere Kandidaten abgeschnitten?

s.Oliver Real BonPrix C&A Otto Esprit
- Versteckspiel -/+ Zweideutigkeit + Nougat + schlicht,direkt + So bin ich - kein Angebot
- Euphemismen -/+ Promis + sexy Frau + dickes Model + Name - dürre Models
- dünnes Model + Motivation! + Name - Thema?
+ “selbstbewusst” + Name -/+ schwelgen - dünnes Model
- Wortfeld?!
- Euphemismen
-2 0 Zweiter: 2
Sieger: 3 0 -2

So sieht es also aus. C&A führt, dank unverhüllter Selbstverständlichkeit und wenig Schnickschnack. Unsicher war ich mir bei “schwelgen”. Ist das ein zu klischeehaftes “dick” Wort, oder kommt mir das vor lauter lauter nur so vor?
Dicht drauf folgt BonPrix, das trotz der seltsamen Wortwahl ein sehr positives, direkte Bild vermittelt. Bei Real konnte ich mich nicht entscheiden – ist die Zweideutigkeit motivierend gemeint? Ist Vera ein gutes Vorbild? Otto ist auch okay, aber hier gibts Abzug für die Einordnung unter “Thema”. s.Oliver und Esprit bilden eindeutig das Schlusslicht.

Diese querbeet Analyse ist vollkommen unwissenschaftlich und übermäßig subjektiv. Bitte schreit beim Lesen nicht auf und schickt mir keine Drohbriefe – kommentiert einfach, was ihr davon haltet, es würde mich interessieren.

Ich muss abschließend hinzufügen, dass ich es trotz aller positiver Bilder und motivierender Sprüche natürlich einsehe, dass diese Kataloge auch nur ihre Ware an die (dicke) Frau bringen wollen. Es ist in ihrem Interesse, dass die Kundinnen denken, wenn sie diese Kleidung tragen, finden sie sich vielleicht weniger dick, oder mehr begehrenswert. Es ist ein gutes Statement gegen die von der Modewelt vermittelten “Idealmaße”. Aber es ändert nichts daran, dass man unter aller Kleidung immer eines Menschen Masse erahnen kann, erst recht, wenn er sie verhüllen will.

Diesen Post widme ich allen glücklichen, fülligen, Nougat naschenden Damen. Zeigt Größe! Seid formstark! Wir lieben euch so, wie ihr seid.